Kinder- und Jugendpsychiatrie: Lichtjahre entfernt von adäquater Versorgung

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Kinder- und Jugendpsychiater schlagen Alarm: Ihr Fach sei ein absolutes Mangelfach, dem es an allen Ecken und Enden fehlt; vor allem aber an niedergelassenen Fachärzten.

Von Mag. Christina Lechner

Um Kinder und Jugendliche mit psychiatrischen Diagnosen entsprechend versorgen zu können, wären bis zu 30 Therapiezentren, 800 Betten beziehungsweise Tagesklinikplätze und rund 100 niedergelassene Fachärzte nötig. Davon ist Österreich allerdings noch „Lichtjahre“ entfernt, heißt es etwa in einem Ende 2009 veröffentlichten Bericht des Ludwig-Boltzmann-Instituts fur Health Technology Assessment (HTA).

„Die aktuelle Situation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein Skandal“, meint dazu Univ.-Prof. Dr. Leonhard Thun-Hohenstein, Vorstand der Salzburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schuld daran sei das jahrzehntelange Fehlen einer Politik im Bereich „Mental Health“ für Jugendliche. „Selbst unter manchen Ärzten herrscht noch immer die Meinung, psychische Auffälligkeiten im Kindesalter würden sich auswachsen – nicht selten bedeutet dies, dass Betroffene mitunter zweieinhalb Jahre herumgeschickt werden, bis sie uberhaupt eine fachärztliche Diagnose erhalten.“

Auf Basis einer Umfrage hat Thun-Hohenstein auch errechnet, dass der Versorgungsgrad in der stationären und niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatrie bei 30 Prozent liegt; wobei es große regionale Unterschiede gibt. Alleine in Salzburg betragen die Wartezeiten im einzigen Spezialambulatorium rund vier Monate.

Eine Abteilung pro Bundesland

„Um eine entsprechende Versorgung bieten zu können, müsste es in jedem Bundesland eine stationäre Abteilung mit angeschlossener Ambulanz geben, zusätzlich eine ambulante Einrichtung pro 250.000 Einwohner sowie eine entsprechende Schnittstelle zur Kinder- und Jugendwohlfahrt“, meint Thun-Hohenstein. Doch gerade schwierige Patienten, „die viel Betreuung und Therapie benötigen“, werden oft unnötig hin- und hergerissen, weil die entsprechenden Strukturen fehlen. „Was nötig ist, sind gut durchdachte gemeinsame Konzepte, die auf der einen Seite Schutz durch eine Unterbringung bei Selbst – oder Fremdgefahrdung ermöglichen, entsprechende Therapie und genauso eine sanfte Rückführung in das ursprüngliche Lebensmilieu vorsehen“, sagt Thun- Hohenstein.

Der Salzburger Kinder- und Jugendpsychiater ortet zudem zwei weitere Gruppen mit besonderem Betreuungsbedarf: „Das sind zum einen der immer größer werdende Kreis der Jugendlichen mit Suchterkrankungen, für die es praktisch keine spezialisierte ambulante Einrichtung gibt, und zum anderen Kinder mit autistischen Störungen, bei denen die therapeutischen und pädagogischen Möglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind.“

Thun-Hohenstein wehrt sich zudem gegen das Argument einer möglichen Überdiagnostik psychiatrischer Störungen, etwa bei ADHS: „Den Verschreibungszahlen der Gebietskrankenkassen zufolge werden derzeit rund ein Prozent entsprechend behandelt. Die Häufigkeit der Störung liegt aber bei drei bis fünf Prozent, sodass wir selbst bei 100-prozentiger Zunahme noch immer nicht alle Betroffenen erreichen.“

Niederösterreich am besten versorgt

Auch wenn die Situation österreichweit im Argen liegt, so gibt es dennoch positive Entwicklungen zu verzeichnen: Niederösterreich ist dabei laut Thun-Hohenstein das derzeit am besten versorgte Bundesland in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Sicher haben wir noch Wartelisten, aber mit drei stationären Einrichtungen (Mauer-Ohling, Tulln und Hinterbruhl, Anm.) kommen wir an die international geforderten Bettenzahlen heran“, bestätigt auch Prim. Dr. Rainer Fliedl, Vorstand der Abteilung fur Kinder- und Jugendpsychiatrie des Krankenhauses Modling am Standort Hinterbrühl.

Durch die Ambulanzen in Tulln und in der Hinterbrühl konne zudem fur die jeweiligen Einzugsgebiete eine ausreichende ambulante Versorgung gewährleistet werden, ebenso gibt es in Niederösterreich zwei niedergelassene Facharztinnen fur Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Eine davon ist Dr. Charlotte Hartl, die im niederösterreichischen Purkersdorf seit rund vier Jahren im Rahmen eines Pilotprojekts sogar eine Kassenordination betreibt. „Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychiatrischen Diagnosen darf nicht auf den Schultern der Eltern abgeladen werden – und die Kassenpraxis ist das niederschwelligste Angebote, das wir haben“, meint Hartl. Allerdings müsse die Betreuung immer in ein Konzept eingebunden sein und durch wohnortnahe Angebote wie Psycho- oder Ergotherapie unterstützt werden. „Im Idealfall fungieren wir Kinderpsychiater als Case Manager. Insgesamt benotigt nur ein kleines Segment unserer Klientel ein starkes Auffangnetz in Form von Ambulatorien oder stationären Einrichtungen“, sagt Hartl.

Aufnahme in den Mutter-Kind-Pass gefordert

„Meine Vision ist, dass es eines Tages möglich ist, die Untersuchung im Hinblick auf psychische und psychosoziale Auffälligkeiten genauso in den Mutter-Kind-Pass aufzunehmen. Warum sollten Kinder nicht im Alter von drei, sechs, zehn und 14 Jahren einmal vom Kinderpsychiater gesehen werden?“

Immerhin, so Hartl, sind deutschen Statistiken zufolge knapp zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen behandlungsbeduüftig. „Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen, Ängste und ADHS sind dabei die häufigsten Diagnosen“, erklärt Hartl. Bis zum Erreichen einer kinder- und jugendpsychiatrischen Vollversorgung ist es aber noch ein weiter Weg: „Unser Fach ist ein absolutes Mangelfach“, versichert Hartl. Um in den nächsten Jahren zumindest eine Minimalversorgung bieten zu können, musste unbedingt die Zahl der Ausbildungsstellen erhöht werden. Zwar interessieren sich laut Hartl mittlerweile ein bis zwei Kollegen pro Bundesland für eine Niederlassung, „dazu braucht es aber entsprechende Kassenplanstellen und entsprechende Leistungspositionen.“

Immerhin ortet Hartl allerdings bereits positive Signale vonseiten der Gesundheitspolitik: „Es gerät etwas in Bewegung.“ So hies es zu Redaktionsschluss Mitte April, das sich das Gesundheitsministerium schwerpunktmäßig mit dem Thema „Kinder- und Jugendgesundheit“ befassen und einen Dialog wolle.

Kooperation mit Pädiatrie

Dass in Sachen Kindergesundheit in Österreich noch viel zu tun ist, unterstreicht auch Univ.-Prof. Wilhelm Kaulfersch, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus Klagenfurt und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft fur Kinder- und Jugendheilkunde. Erst jüngst machte er im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien auf die „Zweiklassenmedizin“ bei Kindern und Jugendlichen aufmerksam: So fordert Kaulfersch einen kostenfreien Zugang zu Physio-, Ergo- und Psychotherapie, aber auch den Ausbau der Kinderrehabilitation, einschließlich Psychosomatik. „Obwohl Kinder und Jugendliche ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, fallen nur sieben Prozent der Gesundheitstransferkosten in ihren Bereich“, betont Kaulfersch.

Dabei bedeutet jede Verzögerung von Diagnose und Therapie eine oft uneinholbare Entwicklungsverzögerung, „Wartezeiten von einem Jahr auf Therapieplatze sind einfach inakzeptabel“, so Kaulfersch. Die beiden Facher, Kinder- und Jugendheilkunde sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie sind dabei als „Zwillinge“ zu sehen: „Eines kann ohne das andere nicht existieren. Allerdings ist es nach wie vor noch sehr schwierig, Betroffene an einen Kinder- und Jugendpsychiater zu überweisen – es gibt schlicht zu wenige“, sagt Kaulfersch.

„Die Mittel wären jedenfalls vorhanden“

Dem dramatischen Mangel in der Kinder- und Jugendpsychiatrie entgegensteuern möchte auch OVP-Gesundheitssprecher und Allgemeinmediziner Dr. Erwin Rasinger. Gegenüber CliniCum neuropsy betont Rasinger, dass „die Krankenkassen auch auf diesem Segment verpflichtet sind, die Versorgung sicherzustellen, und nicht nur dann, wenn es um Herzkrankheiten oder Osteoporose geht“. Naturlich, so Rasinger, werde es unmöglich sein, die Vollversorgung von einem Tag auf den anderen zu gewährleisten. Der Gesundheitspolitiker konnte sich aber durchaus vorstellen, über eine entsprechende Notverordnung zunächst mehr Fachärzte auszubilden.

„Es kann nicht sein, dass es Wartezeiten bis zu einem Jahr gibt und gerade Betroffene aus schwächeren sozialen Schichten noch mehr an den unteren Rand gedrängt werden.“

Zumindest für die Realisierung der erforderlichen 100 Kassenplanstellen waren jedenfalls die Mittel vorhanden, meint Rasinger: „Noch vor wenigen Wochen gaben die Krankenkassen bekannt, dass sie ihr Einsparziel von 30 Millionen Euro übererfüllt haben – da sind die nötigen drei bis fünf Millionen jedenfalls vorhanden.“ Zudem wurde alleine der Ablauf des Patentschutzes einiger häufig verordneter Medikamente – etwa eines Magenschutzmittels – zweistellige Millionenbetrage freisetzen.

Präventive Effekte nutzen

„Bildungstheoretische Konzepte, bei denen Eltern lernen, Symptome wahrzunehmen und ihre Kinder entsprechend zu unterstutzen, gibt es zwar vereinzelt, sie konnten, auf eine breite Basis gestellt, aber noch viel mehr leisten und zu einer geringeren Symptombildung beitragen“, meint Prim. Dr. Rainer Fliedl. „Doch wie viel Zeit haben Eltern heute noch fur ihre Kinder, und wo gibt es gestaltbare Raume fur Jugendliche?“

Wie wirksam Modelle zur Elternschulung sind, zeigt ein Blick nach Deutschland: Dort sollen beispielsweise an der Universität Braunschweig voraussichtlich ab kommenden Herbst Studenten des Masterstudiengangs Psychologie zu Elterntrainern ausgebildet werden. Wie dazu Prof. Dr. Kurt Hahlweg im Interview mit der Zeitschrift „Psychologie Heute“ (März 2010) erklärt, fordert ein positiver Erziehungsstil die Entwicklung und hilft, den Umgang mit eigenen Emotionen zu erlernen.

Erfolge zeigen genauso Präventionsprogramme im Kindes- und Jugendalter: So verhinderte etwa das von Gesundheitspsychologen der Universität Tubingen entwickelte Programm „Lars&Lisa“ bei psychisch unauffälligen 12- bis 17-Jährigen eine Zunahme depressiver Symptome, während es in der Kontrollgruppe zu einem Anstieg der Symptome kam. In der Gruppe mit subklinischen Symptomen wurde durch das Training ein Rückgang der Symptome erreicht. Zum Programm gehorte unter anderem eine Kommunikationstraining oder der Aufbau funktionaler Kognitionen.
MMA, CliniCum neuropsy 2/2010

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Für den immer größer werdenden Kreis der Jugendlichen mit Sucht-Erkrankungen gibt es praktisch keine spezialisierte ambulante Einrichtung.